“Mit Bootstrapping bringt man sich selbst dazu, geschickt zu sein”

Fredrik Söderlindh hat mit zwei Kommilitonen die Educations Media Group, europäischer Marktführer für Bildungsportale, ohne externe Finanzierung aus der Taufe gehoben

Mit einer Vision zum Erfolg. Wenn Fredrik Söderlindh heute an die Anfänge zurückdenkt, schüttelt er ungläubig den Kopf. Der CEO der Educations Media Group (EMG), dem europäischen Marktführer für Bildungsportale, kann es manchmal selbst nicht glauben, wie aus einer Studentenidee ein Unternehmen mit 150 Mitarbeitern, verteilt auf fünf Standorte, darunter auch der Sitz von kursfinder.de in Mannheim, wachsen konnte. Zusammen mit seinen Kommilitonen Marcus Boström und Magnus Obel hat der Schwede 2001 im Wohnzimmer seiner Studentenbude in Stockholm eine Firmenidee realisiert. Ohne Business-Plan, ohne Kapital, dafür aber mit jeder Menge Antrieb und einer Vision: jedem auf der Welt dabei zu helfen, die richtige Weiterbildung zu finden.

Bootstrapping lautete das Finanzierungsmodell der drei Studenten. Fremdfinanzierung? Das kam den jungen Männern nicht in die Tüte. “Wir haben darüber gesprochen, ja, uns aber nicht dafür entschieden”, bekennt Fredrik Söderlindh und erinnert an die IT-Krise in den Jahren 2001 und 2002. “Wir haben zu jener Zeit jede Menge Unternehmen gesehen, die Riesensummen an Kapital aufgenommen haben. Sie gingen pleite, weil sie keine nachhaltige Geschäftsidee hatten. Das war für uns wenig inspirierend und ermutigend”, stand für die drei Studenten der Stockholm School of Economics fest, dass sie etwas Langfristiges auf die Beine stellen wollten. Anstatt Kapital zu leihen, investierten sie neben dem Studium ihre Freizeit und bauten so das Unternehmen Schritt für Schritt auf. “Wir wussten, dass es eine Weile dauern würde. Aber wir wussten auch: Wenn man eine wirklich gute Dienstleistung bietet, dann kommen die Einnahmen früher oder später automatisch. Wir würden schon ein Geschäftsmodell finden.” Die Zeit gibt Fredrik Söderlindh recht.

CEO der Educations Media Group (EMG) Fredrik Söderlindh

CEO der Educations Media Group (EMG) Fredrik Söderlindh

Statt Kapital Freizeit investiert

Das Investment lautete Freizeit. Die Kosten hielten sich gering. Gearbeitet wurde zunächst im Wohnzimmer. Irgendwann wurde in ein einfaches Kellerzimmer ohne Fenster investiert, das als Büro herhielt. Das sei einer der Vorteile von Bootstrapping, findet der CEO der EMG: “Wenn man jung ist und noch studiert, ist das Risiko gering.” Das Business 20 Jahre später zu realisieren, wenn man Familie, Job und jede Menge Nebenkosten hat, sei dagegen viel schwieriger. Denn auch in Bootstrapping stecken Risiken, nennt der 37-Jährige drei konkrete: Wettbewerber, die schneller sind. Zu langsames Wachstum, so dass man Möglichkeiten auf dem Markt verliert. Und mit der Zeit nachlassende Motivation. “Wir haben die ersten paar Jahre gearbeitet, ohne ein Gehalt dafür zu nehmen. Wir konnten uns das erlauben, weil wir Studenten waren. Wenn man jedoch Bootstrapping betreibt, Kosten hat und von seinen Ersparnissen leben muss, vielleicht nebenher noch Stress mit der Familie hat, dann kann das sehr hart sein und einem zum Aufgeben zwingen”, weiß der Familienvater.

Stattdessen war Geduld gefragt. Geduld, das Unternehmen organisch wachsen zu lassen. Business-Plan Fehlanzeige. Die drei Studenten sahen den Bedarf, einen Service zu entwickeln, um Aus- und Weiterbildungen suchen, finden und vergleichen zu können, so wie es zu jener Zeit etwa schon Portale für Immobilien oder Jobs gab. “Wir waren verdammt passioniert und ich glaube, das war unser Wettbewerbsvorteil”, sagt Fredrik Söderlindh mit einem Augenzwinkern. Analysen? Marktbeobachtungen? Wer braucht das schon?! Die drei jungen Männer hatten den Antrieb. Sie probierten aus, versuchten es einfach. “Es gibt Zeiten, da ist es positiv, wenn man nicht wirklich weiß, wie schwierig eine Sache ist. Hätten wir uns von Anfang an über mögliche Hindernisse den Kopf zerbrochen, hätten wir die Sache wahrscheinlich gar nicht erst gewagt”, schätzt der Gründer.

Profit fließt anfangs zu 100 Prozent in weiteres Wachstum

Umsätze erzielten die drei schon im ersten Jahr nach der Gründung 2001. “Im ersten Jahr haben wir 100 Prozent unseres Profits in weiteres Wachstum investiert”, verrät Söderlindh. Bis sich er, Marcus Boström und Magnus Obel ein marktübliches Gehalt zahlten, gingen sieben, acht Jahre ins Land. Eine Entscheidung, die sie bewusst getroffen haben: “Wir wollten investieren, die Möglichkeiten zum Wachsen nutzen, sich uns ergebende Chancen jetzt ergreifen, anstatt hohe Gehälter einzusacken.”

Als gute Lernerfahrung sehen die Firmengründer das Finanzierungsmodell an, das sie 2001 für ihr Business wählten. “Du musst geschickt mit dem umgehen, was du hast”, geht Söderlindh genauer darauf ein und fährt fort: “Wir hatten kein Kapital, um etwa Marketing zu betreiben. Stattdessen mussten wir mit SEO arbeiten. Wir mussten Traffic über Google auf unserer Seite generieren, gute Inhalte kreieren, Linkbuilding betreiben. Mit Bootstrapping bringt man sich selbst dazu, geschickt zu sein. Man muss jeden Penny wertschätzen, den man hat und sich damit etwas Nachhaltiges aufbauen.”

Tipp: Alle Kostenpunkte von Zeit zu Zeit hinterfragen

Auf Wachstumskurs wie heute war das Start-up nicht immer. Es gab Jahre, in denen Einsparungen gemacht werden mussten, in denen Geschäftseinheiten kritisch hinterfragt wurden. Wie ging man bei den Einsparungen vor? “Wir haben geschaut, was wir zum Weitermachen unbedingt benötigen und was nur ein Nice-to-have ist, das wir streichen können, ohne die Motivation der Mitarbeiter zu killen”, gibt der CEO Einblick in die Vorgehensweise. Zwei-, dreimal habe man sich bisher zusammengesetzt und geschaut, wie man weitermachen wolle. “Wir gingen eine Zeit lang zeitgleich an zu viele Märkte, haben zu viele Dinge zur gleichen Zeite gemacht”, so Söderlindh. Ein Beispiel hat er auch parat. “Wir arbeiteten an einer neuen Geschäftseinheit: ein Projekt für Jobs mit Recruitment.” Als die Gründer sehen konnten, dass Profit eingebüßt wurde, haben sie eines festgestellt: Das ist nicht das Kerngeschäft. Das ist nicht absolut notwendig, um ihre Vision zu realisieren. Also wurde das Projekt eingestampft. “Es ist eine gute Übung, gelegentlich jeden Kostenpunkt zu hinterfragen, vor allem dann, wenn man es nicht machen muss”, gibt der Schwede einen Tipp für alle Unternehmer.

Auch heute finanziert sich die EMG ohne Fremdkapital. Der selbst generierte Cash-Flow wird in Investitionen für weiteres Wachstum gesteckt. “Wir investieren jährlich rund zehn Prozent unseres Turnovers in unsere neuen Märkte”, erläutert Söderlindh. Inzwischen gibt es jedoch Anteilseigner. Seit 2010 gehören dem schwedischen Konzern Novax, dem Investment-Arm der Axel-Johnson-Gruppe, 27 Prozent des Unternehmens. “Wir haben 2010 ein Angebot für die ganze Firma bekommen. Irgendwer wollte uns kaufen”, erinnert sich der CEO. Verkaufen wollten die Jungs nicht. “Wir wollten weiter in Richtung unserer Vision gehen. Aber wir hatten bis dahin bereits rund zehn Jahre gearbeitet, ohne üppige Gehälter und allzu viel Gewinn. Um unser Risiko ein bisschen zu senken, haben wir entschieden, die Anteile an Novax zu verkaufen. So konnten wir mit unserer Reise weitermachen”, beschreibt er. Wichtig war den Gründern vor allem die Kontrolle zu behalten und weiterhin in der Lage zu sein, selbst Entscheidungen zu treffen.

Heute würde es Fredrik Söderlindh anders machen

Würde sich Fredrik Söderlindh wieder für Bootstrapping entscheiden, wenn er eine neue Firma gründen würde? Der 37-Jährigen fängt an zu schmunzeln. “Ich würd es heute nicht mehr so machen wie vor 16 Jahren”, gibt er ehrlich zu. “Es würde zu lange dauern, was ein großes Risiko ist.” Heute, mit einigen Jahren Gründer-Erfahrung, würde er ein Darlehen aufnehmen, sich an Fremdkapital bedienen. “Geld macht vieles einfacher. Selbst heute mit unseren neuen Geschäftseinheiten innerhalb der  EMG betreiben wir kein Bootstrapping mehr. Wir sagen nicht: Ihr müsst innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate wachsen”, erklärt Fredrik Söderlindh. Stattdessen finanzieren die starken Märkte die schwächeren mit.

Bereut der CEO, damals als junger Student diesen Weg eingeschlagen zu haben? Er sitzt an seinem Schreibtisch und schüttelt den Kopf. Ein klares Nein. “Wenn man jung ist und studiert, ist Bootstrapping eine tolle Sache, um die eigene Idee zu testen und auszuprobieren. Das Risiko ist überschaubar gering. Es ist gut und gesund, nicht zu viel Fremdkapital aufzunehmen und die Kontrolle einem Investor zu übertragen. Ab einem gewissen Alter ist das Risiko deutlich höher. Geld macht dann vieles einfacher.”

Über die Autorin: 
Vanessa Schäfer ist Redakteurin bei der Weiterbildungssuchmaschine kursfinder.de. Die Leidenschaft fürs Schreiben begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Nach einer Ausbildung zur Medienkauffrau und ein paar Semestern Wissenschaftsjournalismus volontierte sie bei einer Tageszeitung, wo sie bis zu ihrem Wechsel zu kursfinder.de mehrere Jahre als Redakteurin arbeitete. In ihrer Freizeit betreibt sie den Food-Blog schuerzentraegerin.de.

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